Startseite|Kontakt|Impressum
Lapita Voyage - in polynesischen Booten - nach polynesischer Navigation
Segel-Test
Manu Rere segelnd im Gegenlicht

Backbordrumpf mit ErsatzspierenCockpit

 

Backbordrumpf mit Ersatzspieren
und das Cockpit

 

Glenn setzt das VorsegelHanneke schaut aus ihrer Koje

 

Glenn setzt das Vorsegel,
Hanneke schaut aus ihrer Koje

 

Klar zur WendeKoje

 

Klar zur Wende und

Ansicht der Koje

 

KrebsscherensegelLuken am Steuerbordrumpf

 

Krebsscherensegel und
Luken am Steuerbordrumpf

 

Luvruder und HoleleineManu Rere unter Segeln

 

Luvruder und Holeleine,
Manu Rere unter Segeln

 

MasttopPantry im Vorschiff

 

Masttop und

Pantry im Vorschiff

 

QuerbeamVorwindfahrt ohne Besan

 

Querbeam und

Vorwindfahrt ohne Besan


[ Klicken Sie auf das
gewünschte Bild,
um dieses zu vergrößern. ]

Segeln wie auf einem „fliegenden Teppich“

Im November 2007 flog ich nach Mexiko, um die „Manu Rere“, ein Schwesterschiff unserer zu bauenden beiden Boote auf Herz und Nieren zu testen.
Zwar segle ich seit 35 Jahren Jollen, Regattaboote, Fahrtenschiffe, auch große Katamarane, aber noch nie habe ich einen ethnischen Wharram-Katamaran gesegelt, diesen modifizierten Nachbau historischer polynesischer Katamarane.
Der Katamaran-Designer James Wharram, seit 50 Jahren dem Stil polynesischer Vorbilder verbunden, und seine Partnerin Hanneke Boon haben diesen Typ „Child of the Sea“ gezeichnet und bieten die Pläne zum Bau an (siehe www.wharram.com). Hanneke kam mit nach Mexiko wo wir den Bootsbauer und Einhandsegler Glenn Tieman und seine „Manu Rere“ in Cabo San Lucas trafen, um eine Woche mit ihm zu segeln.
Gleich am ersten Tag musste ich mir das Wharram-Prinzip wieder ins Gedächtnis zurück rufen: Schnelle Katamarane zu bauen mit traditionellen Riggs und wenig Aufbauten, um somit der Natur enger verbunden zu sein.
Eine Woche saßen wir quasi auf der Plattform der „Manu Rere“, nicht einmal einen Meter über dem Wasser und erlebten „Segeln pur“.
Die „Rere Manu“ wurde in Leistenbauweise im Westsystem (Epoxy-Harz verstärkt) gebaut. Sie ist 11,50 m lang, 4,55 m breit und hat ein netto Gewicht von nur 1.600 kg. Vorab ein Kompliment an den Bootsbauer Glenn, der dem Boot ein Finish gegeben hat, wie es eine Werft kaum besser machen kann.
Der Katamaran hat vier bequeme, ausreichend große Kojen, zwei in jedem Rumpf. Man steigt durch die große Luke ein und hat dann „sein gemütliches Reich“ für sich allein, ist an den Seiten von warmem Holz in bester Leistenbauweise umgeben und schläft bequem auf Isomatten. Für eine Belüftung bei Regen werden wir für unsere beiden Boote noch Doraden einbauen. Ansonsten legten wir einen Holzklotz unter den Lukendeckel.
Vorne im Steuerbordbug ist die kleine Pantry mit dem Ein-Flammen-Kocher und auf der anderen Seite liegt der Stauraum. Extra Stauraum gibt es unter allen Bodenbrettern und achtern in beiden Rümpfen.
Gesteuert wird von beiden Cockpits aus – oder achterlich sitzend auf der Plattform. Die Ruder sind an dem inneren Rumpf angehängt, können auch aus dem Wasser hochgelappt werden. Es wird jeweils das Luv-Ruder bedient, weil das Leeruder vom Rumpf weggedrückt wird. Später haben wir beide Ruder mit einer provisorischen Querlatte verbunden und bemerkten einen leichteren Ruderdruck. Eine der wenigen Verbesserungen wird das Rudersystem betreffen. Hierzu lässt sich Hanneke eine Modifikation einfallen.
Ach ja, den Begriff WC (Water Closet) kann man wörtlich nehmen. Pütz mit etwas Wasser füllen, reinmachen, leeren, nachspülen, fertig!
Aber jetzt zum Rigg, zum Segeln und zur Performance von „Manu Rere“.

Das ganze andere Rigg

Das Boot hat zwei kurze Masten aus Fichtenholz und eine sogenannte Krebsscheren-Segel-Takelung. Zwischen zwei Bambus-Spieren (Stangen) spannt sich das Segel und hat somit die Form einer Krebsschere.
Zuerst werden mit einem Fall die beiden Spieren am Mast hochgeholt, sie „lehnen“ jetzt quasi an dem Mast, weil das Geitau dichtgeholt wurde. Dann wird das Geitau, das beiden Spieren verbindet, gefiert und danach die Schot an der achterlichen Spiere dichtgeholt. Jetzt steht das Segel. Um das Segel möglichst bei normalem Wind senkrecht zu stellen – mit der Segelpitze nach unten (siehe Foto), wird ein Achterholer dichtgeholt, der an den beiden unten verbundenen Spieren ansetzt. Danach wird das kleinere Besansegel gesetzt.
Zum Reffen gibt es mehrere Möglichkeiten: Man kann den Achterholer fieren und die beiden Vorholer dichtlolen, die ebenfalls am Fuß der beiden Spieren belegt sind und zu den beiden Bügen führen. Gleichzeitig wird auch die Schot dichter geholt. Dadurch wird das Segel aus seiner senkrechten in eine mehr horizontale Stellung gebracht, so dass oben nicht mehr so viel Wind einfällt. Weiterhin kann man die Geitaue (wie bei einem Rahsegler) dichter holen und so die achterliche Spiere vorlicher bringen und damit die Segelfläche verkleinern. Eine dritte Möglichkeit, die wir bei starken raumen Winden nutzten, war das Besansegel wegzunehmen und nur mit dem Großsegel, das mehr die Funktion eines Vorsegels hat, zu segeln.
Wir haben bei sehr schwachen Winden noch gute Bewegung im Boot gehabt, haben bei moderaten Winden immer noch guten Speed gemacht und hatten bei 5-7 Bft gegenan hoch am Wind gesegelt. Gingen wir über Bug, konnte ich 100° messen, was 50° am Wind bedeutet.
Bei allen Windrichtungen waren wir im Vergleich zu mir bekannten gleichlangen Einrumpf-Yachten schneller. Besonders schnell flogen wir bei raumen 5-7 Bft Winden mit bis zu 15 Knoten über das Wasser – wie auf einem „fliegenden Teppich“.
Die ganzen Tage über hatte ich das Gefühl der Sicherheit, niemals gab es brenzlige Situationen.
Nichts ging bei der Starkwindfahrt zu Bruch. Apropos Bruch: Die Spieren sind aus einem speziellen Bambus aus China. Als beim Probesegeln eine Spiere brach, kam Glenn auf eine prima Idee: Er teilte die Bambusrohre der Länge nach, nahm alle Innenteile heraus und klebte die beiden Teile wieder zusammen. Dann zog er einen „Mattenstrumpf“ (im Handel erhältlich) über den Bambus und bestrich ihn mit Epoxy-Harz. Das Ergebnis: Die Bambus-Spieren sehen „glänzend“ aus, sind leichter und wesentlich haltbarer.
Bei Sturm wird die „Manu Rere“ mit den beiden Bügen in Windrichtung gestellt, denn es ist besser ihre beiden Büge gegen die Wellen anrollen zu lassen als die beiden Hecks. Bei dieser Sturmtaktik hatte Glenn gute Erfahrung mit dem Ausbringen eines Autoreifens als Seeanker gemacht, um so die Geschwindigkeit zu drosseln.
Erstaunlich ist die Möglichkeit des Steuerns mit Hilfe des Besansegels. Es wurde bei den Wenden leicht back gestellt. Auch beim Ankern steuerte Glenn mit Hilfe des Besansegels. Er legte stets zwei Anker aus. Dabei segelte er von der einen Ankerstelle zu zweiten meist nur mit Hilfe des Besansegels, das er dann auch bei kurzen Ankerzeiten stehen ließ.
Anders als viele moderne Regattaschiffe und Fahrtenkatamarane kann die „Manu Rere“ auch beidrehen. Und sie kann sogar rückwärts segeln! Was mehrfach in Frage kam, wenn er z.B. eine Muring-Boje erreichen wollte.

Resümee

Die „Manu Rere“ entspricht genau der Wharram-Philosophie: Schnell, sicher und naturverbunden zu segeln. Ich fühlte mich absolut sicher, obwohl es keine Reling gibt. Die Nähe zu Wasser und Wind  macht einen wacher, aufmerksamer, umsichtiger als auf Dickschiffen wo man durch Reling, Kajüten, Aufbauten und geschützte Cockpits weitestgehend von den Elementen getrennt ist. Der Punkt der Sicherheit, des Wohlfühlens war für mich ein sehr wichtiger Faktor, denn schließlich wollen sich einige Menschen diesem Bootstyp mehrere Monate anvertrauen.
Das Schnelligkeitspotential resultiert natürlich von dem geringen Gewicht (Leistenbauweise) und den beiden scharfen V-förmigen Rümpfen. Genial ist natürlich auch das polynesische Rigg. Denn da, wo durch die Reibung des Windes an der Wasseroberfläche weniger Wind ist, hat das Krebsscheren-Segel wenig Fläche und wo in mehreren Metern Höhe mehr Wind herrscht, hat es viel Fläche (also umgekehrt als das bei uns übliche Marconi-Rigg).
Der zweite wichtige Faktor ist die Segel-Performance, denn auch wir werden keinen Motor haben, sind also von guten Segeleigenschaften abhängig. Deshalb habe ich darüber oben ausführlicher geschrieben und kann mit dem Satz enden: Es war wie segeln auf einem „fliegenden Teppich“.

Klaus Hympendahl
November 2007

» [ zurück nach oben ]

Copyright © 2007 Klaus Hympendahl. Alle Rechte vorbehalten.